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Warum Hustensaft Ihr Unternehmen Milliarden kostet

21. Juli 2016 > Sandra Schulthess (Praktikantin)

„Präsentismus“ als Herausforderung für das betriebliche Gesundheitsmanagement.
 

Sind Sie auch schon krank zur Arbeit gegangen, obwohl Sie das Gefühl hatten, aus gesundheitlichen oder anderweitigen Gründen besser zu Hause zu bleiben? Mussten Sie in der Vergangenheit fiebrige oder hustende Mitarbeitende nach Hause schicken? Jeder von uns kennt dieses Verhalten. Man geht zur Arbeit, obwohl man sich nicht gut fühlt. Weil man eben viel zu tun hat, weil man weiss, dass die Arbeit sonst an den Kolleginnen und Kollegen hängen bleibt oder weil sonst die Frist für ein Projekt gegenüber einem wichtigen Kunden nicht eingehalten werden kann. Es gibt verschiedene Gründe für ein solches Verhalten. Man könnte sagen, Präsentismus ist das was übrig bleibt, wenn man krank zur Arbeit geht. Man ist zwar am Arbeitsplatz präsent, aber nicht produktiv. Im Gegenteil: Die Chance, dass man in einem solchen Zustand dem Unternehmen schadet, ist gross. Man hat beispielsweise ein wichtiges Mail an den falschen Kunden versandt, sich mit einer Maschine in die Hand geschnitten oder ein finanziell riskantes Geschäft abgeschlossen. Für Unternehmen haben solche Verhaltensweisen gravierende finanzielle Folgen. Die Kosten, welche den Unternehmen in den USA durch die Folgen von Präsentismus entstehen, belaufen sich insgesamt auf 180 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Diese Kosten sind beinahe dreimal so hoch, wie die Kosten von Produktivitätsverlusten durch Fehltage.

Vor diesem Hintergrund wundert es, dass Unternehmen oft ihre gesamten Bemühungen darin stecken, die Fehltage ihrer Mitarbeitenden zu reduzieren, ohne dem Phänomen des  Präsentismus Aufmerksamkeit zu schenken. In bestimmten Formen des Absenzenmanagements zahlen Unternehmen sogar „Anwesenheitsprämien“ für den Fall, dass Beschäftigte keine oder nur wenige Fehltage aufweisen. Auch Werbungen für Absenzenmanagement-Seminare versprechen eine dauerhafte Reduktion des Krankenstandes durch motivierende Mitarbeitendenführung. Es ist nichts gegen motivierende Mitarbeitendenführung einzuwenden, aber eine hohe Anwesenheitsquote ist noch lange kein hinreichender Beleg für einen zufriedenstellenden Gesundheitszustand der Mitarbeitenden, beziehungsweise ein „gesundes“ Unternehmen. Die Einführung einer Gesundheitsquote kann allenfalls dann einen Fortschritt bedeuten, wenn damit ein Umdenken in dem Sinne stattfindet, dass Gesundheitspotentiale der Mitarbeitenden gestärkt und die Arbeitsbedingungen ernsthaft analysiert und bei Bedarf verändert werden. Tatsächlich wird mit solchen „Anwesenheitsprämien“ aber in vielen Fällen eher Präsentismus gefördert.

Ein gutes Mittel gegen Präsentismus könnten die Gewährung von Handlungs- und Entscheidungsspielräumen, Partizipationsmöglichkeiten sowie ein mitarbeitendenorientiertes Vorgesetztenverhalten sein. Ein weiterer wichtiger organisationaler Aspekt zur Minderung von Präsentismus, ist die Art und Weise der Zielvereinbarung. Nicht erreichbare Ziele, Zielkonflikte oder zu befürchtende Konsequenzen bei Ziel-Nichterreichung begünstigen Präsentismus und können zu weiteren selbstschädigenden Verhaltensweisen führen. Die Realisierung gesundheitsförderlicher und individualisierter Arbeitsgestaltung durch die genannten Merkmale scheint folglich nach wie vor ihre Gültigkeit zu haben – insbesondere auch in der Vorbeugung von Präsentismus.

In diesem Sinne: Hustensaft gehört auf den Nacht- und nicht auf den Bürotisch.

 

Artikel zur Vertiefung aus dem iafob Buch:

Ulich, E. & Nido, M. (2016). Präsentismus – auch ein Ergebnis persönlichkeitsförderlicher Arbeitsgestaltung? In iafob (Hrsg.), Unternehmensgestaltung im Spannungsfeld von Stabilität und Wandel. Neue Erfahrungen und Erkenntnisse (S. 177-202). Zürich: vdf Hochschulverlag.

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